Friedrich Rückert
(ein deutscher Dichter)
„Willkommen in meinem Reich“, empfing ich Gracie leicht keuchend, als ich die Tür schwungvoll öffnete und ihr mit einer versucht lässigen - wobei ich kläglich scheiterte - Handbewegung bedeutete einzutreten. Etwas zaghaft betrat sie das winzige Vorzimmer meiner zwei-Zimmer-Wohnung, oder wie ich sie nannte: meiner Villa Kunterbunt. Jeder Raum war nämlich in einer anderen Farbe gehalten. Wie auch schon vorher in der Garderobe im Kindergarten, waren ihre smaragdgrünen Augen groß, als sie beinahe ehrfurchtsvoll im Zimmer umherblickten.
Ich liebte mein Appartement. Es war zwar nicht sonderlich groß; es hatte ein Wohn- und Esszimmer; eine kleine, funktionale Küche; ein kleines Bad, - sogar mit Fenster! - sowie ein gemütliches Schlafzimmer, welches aber auch gleichzeitig als Büro diente. Es befand sich in einer Top-Lage und zwar in unmittelbarer Nähe des Kindergartens. Zu Fuß waren es bloß zehn Minuten.
Es war einfach perfekt, oder sagen wir nahezu perfekt. Das Einzige was mich an meinem Zuhause etwas störte - und das war nur milde ausgedrückt, denn ich hasste es - war, dass es sich im dritten Stockwerk eines Wohnblocks, welches über keinen Lift verfügte, befand. Ich hatte einfach null Kondition und das trat mir jedes Mal wieder, beim erklimmen all dieser Stufen, schmerzlich ins Bewusstsein; wenn ich am Ende angekommen dieselben Laute von mir gab, wie der altersschwache Mops meiner Nachbarin, Mrs. Miller.
Dass ich es mit Gracie und dem großen Korb voller Muffins auf dem Arm hoch geschafft hatte, ohne in Ohnmacht zu fallen, kam beinahe einem kleinen Wunder gleich. Freu dich bloß nicht zu früh, Swan, schalt mich eine kleine, innere Stimme. Da hatte sie recht. Noch war ich nicht über dem Berg und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war mir auch ein kleines bisschen schwarz vor Augen. Ich seufzte. Vielleicht sollte ich doch mal dem kleinen Fitnessstudio um die Ecke einen Besuch abstatten? Immerhin zahlte ich denen jeden Monat ganze zwanzig Dollar. Ich verwarf den Gedanken, auch nur einen Schritt in dieses Gebäude zu setzten allerdings ganz schnell, als mein Gehirn augenblicklich von unzähligen Horrorszenarien durchflutet wurde. Alle waren anders, spielten sich an verschiedenen Gerätschaften ab und doch zeigten sie letztlich alle dasselbe: mich auf einer Bahre auf dem Weg ins Krankenhaus.
Ein lautes Geräusch, welches dem Knurren eines Tieres glich, riss mich wieder aus meinen Gedanken. Nun ja, in dem Fall war es kein Tier das knurrte, sondern viel eher der vermutlich leere Magen von Grace. Amüsiert beobachtete ich, wie sich ihre Wangen rot verfärbten, als ihr bewusst wurde, dass ich es gehört hatte.
„Hunger?“, neckte ich sie lächelnd. Sie nickte - mal wieder. Ich seufzte. Schon auf dem Weg hier her hatte sie kein Sterbenswörtchen gesagt, sondern mir bloß mit Nicken und Kopfschütteln geantwortet. Es war wirklich frustrierend. Aber was hatte ich erwartet? Das sie mir sofort ihr kleines Herz ausschüttet?
„Was hättest du denn gerne?“, fragte ich sie. Sie antwortete mir bloß mit einem Schulterzucken. Wir machen Fortschritte, dachte ich sarkastisch und schnaubte kaum hörbar auf. Statt nur dem ewigen Nicken und dem Kopfschütteln, hatten wir jetzt auch noch das Schulterzucken.
„Was isst du denn am liebsten?“, formulierte ich die Frage neu. Ein sehr cleverer Schachzug von mir, wie sich dann herausstellte, denn wie aus der Pistole geschossen und mit einem riesen Grinsen im Gesicht antwortete sie mir: „Spaghetti“.
„Na dann … auf in die Küche!“
°°°
„Ich kriege keinen Bissen mehr runter!“, brachte ich leise stöhnend hervor und rieb mir dabei vorsichtig über meinen Bauch, der nach diesem „Festmahl“, sofern man Spaghetti so bezeichnen konnte, eine deutliche Wölbung aufwies. Überfressen traf momentan ziemlich gut auf mich zu. Eigentlich war mir schon nach der Hälfte meiner, relativ großen, Portion nicht mehr nach Essen zu Mute gewesen und doch hatte ich weiter gegessen. Einfach alles in mich reingestopft, wie eines dieser fetten Masthühner, deren Sättigungszentrum im Gehirn „kaputtgezüchtet“ wurde. Mir hatte meine Mom mein Sättigungszentrum kaputtgezüchtet. Denn immer und immer wieder hatte sie mir versucht einzutrichtern, es würde am nächsten Tag regen, wenn ich nicht alles sich auf meinem Teller befindende, verputzen würde.
Schnell musste ich realisieren, dass ich keine Auswirkungen auf das Wetter hatte. Denn obwohl mein Teller nachher immer brav geleert war, hatte es am nächsten Tag in Strömen geregnet. Und noch viel schneller musste ich realisieren, dass Regen in Forks - der Stadt mit der wohl höchsten Niederschlagsrate in ganz Amerika - gar nicht so unüblich war.
„Wie steht es mit dir, Gracie? Nachschlag?“
Ein kleines Stöhnen entwich ihr, als sie heftig ihren Kopf schüttelte, wobei ihre traumhaften Locken wild umherflogen. „Nein danke, Miss Swan“, fügte sie dann noch leise hinzu.
Glücklicherweise hatte ich ihr vorher eine Serviette umgelegt, da sie sich mit dem Aufwickeln der Spaghetti noch etwas schwer tat. Wer konnte es ihr auch verübeln? Diese Biester konnten verdammt glitschig und glibberig sein. Die Serviette war beinahe komplett mit der Tomatensauce verschmiert und ihr Gesicht machte da nicht gerade einen besseren Eindruck. Am liebsten hätte ich meine Kamera gezückt, um diesen Moment für immer festzuhalten - sie sah einfach bezaubernd aus! Da ihr Vater von diesem Anblick wahrscheinlich nicht so verzückt gewesen wäre, entschied ich mich sie in mein Bad zu nehmen, um sie wieder sauber zu bekommen.
Gerade als sie wieder frei von Sauce war und damit erneut präsentabel aussah, ertönte das laute Schrillen der Tür. Ich warf einen kurzen Blick auf die kleine Uhr im Bad. Hatte ich bereits erwähnt, dass ich eine kleine Uhr-Fanatikerin war? Ich liebte Uhren - wirklich. Ob groß oder klein, ausgefallen oder doch eher klassisch; ich sammelte sie alle. Zur Zeit zählten rund vierzig Uhren zu meiner kleinen Sammlung. Im Bad hing jedoch bloß eine von diesen vierzig und diese zeigte mir, dass es bereits zwölf vor sieben war. Da hatte sich der feine Herr aber Zeit gelassen. Wie lange dauern solche blöden Meetings überhaupt? Bevor ich diesen Gedanken allerdings weiter verfolgen konnte läutete es abermals. Na da ist aber einer ungeduldig.
„Ich komme ja schon!“, rief ich leicht genervt und etwas zu laut auf dem Weg zur Türe. Zuerst nicht auftauchen, mich dann aber hetzen wollen. So etwas hatte ich gern. Schnell entriegelte ich das Sicherheitsschloss und öffnete die Tür.
„Ähm … Mr. Cullen?“, fragte ich die etwas fülligere Frau, die vor mir in der Türe stand, etwas verwirrt. Ich schätzte sie auf Mitte fünfzig.
„Aber nein, Liebes. Ich bin Mrs. Cope, Gracies Kindermädchen“, antwortete sie mir laut und herzlich lachend.
Was zum … ? Kindermädchen?
„Oh … okay und … Mr. Cullen ist wo?“ Er hat doch wohl nicht … ? Oh nein! Nein, nein, NEIN!! Bitte, nicht vorhandener Gott, lass es nicht das sein was ich denke das es ist! Bitte lass ihn nur unten in seinem Auto warten!
Ihr Lachen verstummte augenblicklich und ihre Miene wurde ernst. „Mr. Cullen lässt sich entschuldigen, ihm ist noch etwas sehr wichtiges dazwischen gekommen“, ratterte sie schnell runter. Wahrscheinlich war es nicht das erste Mal, dass sie mit dieser Ausrede kam.
Ich konnte es nicht glauben. Er hatte es getan. Er hatte sie versetzt - schon wieder! Dieser miese, schäbige …
Ich holte ganz tief Luft, füllte meine Lungen mit so viel Luft wie möglich, und stieß sie dann hörbar wieder aus. „Okay. Würden Sie bitte solange hier warten, bis sich Gracie angezogen hat?“
„Aber natürlich.“
Ganz sachte schloss ich die Türe und senkte meine Stirn dagegen. Ich schloss meine Augen und tat das was ich neuerdings immer tat wenn ich vor lauter Zorn am Kochen war: Ich zählte ganz langsam bis zehn und achtete dabei sorgsam auf meine Atmung - ein Tipp von meiner liebevollen, unberechenbaren und durchgeknallten Mutter, Renée. Meditation war seit kurzem ihre Lieblingsbeschäftigung, zumindest für diese Woche. Weiß der Teufel was sie dann als nächstes ausprobieren möchte, vielleicht ja Drachenfliegen?
Ganz langsam öffnete ich meine Augen wieder. Ich fühlte mich keineswegs ruhiger. Auch nicht, nachdem ich bis zwanzig gezählt hatte. Toller Tipp, Mom …
Plötzlich hörte ich ein lautes Seufzen und wandte meinen Blick langsam, über meine Schulter, nach hinten. Gracie stand dicht hinter mir und versuchte gerade den Reißverschluss ihrer Jacke zu schließen. Schnell eilte ich an ihre Seite, nahm ihr den Verschluss vorsichtig ab und zog ihn mit einer gekonnten Handbewegung hoch. Sie bedankte sich leise, ließ ihren Blick aber auf ihren Händen liegen, die noch immer mit dem Ende ihrer Jacke spielten. Sanft umfassten meine Finger ihr Kinn und zwangen sie somit meinen Blick zu erwidern.
„Alles in Ordnung?“ Und der Award für die bescheuertste Frage geht dann ja wohl an mich, dachte ich und verdrehte innerlich meine Augen. Nichts war in Ordnung - und das war untertrieben! Ich konnte und wollte diese Leute einfach nicht nachvollziehen. Warum hatten sie sich entschieden ein Kind in diese Welt zu setzen, wenn sie sich dann nicht um Jenes kümmern wollten? Es war mir ein Rätsel.
„Warum hat mein Daddy mich nicht lieb?“, hörte ich sie dann mit leiser Stimme fragen. Es war kaum ein Flüstern und doch war es, als würde sie mir all ihren Schmerz entgegen schreien. Er traf mich mit voller Wucht und raubte mir die Luft zum atmen. Diese missratenen Kreaturen hatten es doch tatsächlich geschafft ihr Kind - ihr eigen Fleisch und Blut - glauben zu lassen, es sei ungeliebt.
Zu beschreiben was ich in diesem Moment fühlte, war beinahe unmöglich. Es war wie ein Strudel aus Trauer, Mitleid, Wut und Kummer … Doch das Gefühl, welches mich förmlich von Innen heraus verschlang, an welchen ich jämmerlich zu ersticken drohte, war … Hass. So stark wie ich ihn noch nie zuvor für jemanden empfunden hatte.
„Was redest du da? Natürlich liebt dich dein Daddy!“, widersprach ich ihr jedoch sofort und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Meine Miene verriet nicht, wie sehr mich ihre Frage aus der Bahn geworfen hatte.
Doch sie schien nicht überzeugt zu sein. Sie verzog leicht ihr Gesicht, blieb ansonsten jedoch stumm.
„Gracie“, setzte ich erneut an, „Es gibt bestimmt einen Grund, weshalb dein Daddy nicht kommen konnte und bestimmt tut es ihm auch wahnsinnig Leid, dass er Mrs. Cope schicken musste. Aber dein Daddy liebt dich - sehr sogar! Wie könnte er so ein tolles Mädchen, wie dich auch nicht lieben?“, beteuerte ich ihr abermals. Ich hoffte so sehr, dass sie meinen Worten Glauben schenken würde. Sie musste einfach! Ich konnte es schlichtweg nicht mehr ertragen sie so zu sehen.
Ihre Reaktion auf meine kleine Rede war bloß ein schwaches Lächeln. Doch ich wollte mich damit nicht zufrieden geben. Ich wollte mehr als bloß dieses verdammte Nicken! Deshalb schnappte ich sie mir, zog sie ganz nah an mich heran und fing an sie durchzukitzeln. Sie stieß zunächst ein lautes Quieken hervor, bevor sie dann, wie geplant und von mir erhofft, in lautes, schallendes Gelächter ausbrach.
„N- Nein!“, schrie sie aus vollem Halse und warf sich dabei hin und her, wandte sich wie verrückt unter meinem Griff, als sie versuchte sich aus Diesem zu befreien. Doch sie schaffte es nicht. Dafür war mein Griff um ihre Seite viel zu fest.
„Soll ich aufhören?“, fragte ich sie über ihr glockenhelles Lachen hinweg. Und wieder bloß dieses mir verhasste Nicken. Doch so einfach wollte ich es ihr nicht machen. Mehr!
„Oh nein! So nicht, kleines Fräulein. Sag es!“, forderte ich sanft.
„Auf - Aufhören!“
Und da ich ja mal nicht so sein wollte, ließ ich abrupt von ihr ab, sogar ohne das Zauberwort „Bitte“ gehört zu haben. Ihr Atem kam nach diesem kleinen Übergriff nur stoßweise, jedoch zierte ein riesiges und ehrliches Lächeln ihr Gesicht. Zum ersten Mal in den ganzen vier Monaten, in denen ich sie nun schon kannte, erlebte ich sie so, wie es sich für ein Kind in ihrem Alter gehörte: glücklich und sorgenfrei. Ihr unbeschwertes und helles Kichern erfüllte den winzigen Raum und ließ mir das Herz in meiner Brust vor Freude förmlich auf die doppelte Größe anschwellen. Bereits jetzt war ich süchtig nach diesem wundervollen Geräusch.
„Viel besser!“, lobte ich sie warm und strich ihr erneut über die nun so wundervoll gerötete Wange, bevor ich mich erhob und die Türe öffnete, um sie austreten zu lassen.
Im Türrahmen vor mir, fand ich eine sichtlich alarmierte Mrs. Cope vor. Verdammt! An die hatte ich ja gar nicht gedacht.
Glücklicherweise schien ihre Sorge um Gracie zu verpuffen, als sie diese strahlend neben mir erblickte.
„Hallo, Mrs. Cope“, grüßte sie sie gewohnt höflich. Wenn ihre Eltern eine Sache richtig gemacht haben, dann waren es ihre Manieren.
„Hallo, Grace. Na, bereit zum Gehen?“, erkundigte sie sich freundlich und hob sie dann - nachdem sie beruhigenderweise auch bloß ein Nicken als Antwort bekommen hatte - auf ihren Arm. Gracie ließ das alles brav und ohne Mucks über sich ergehen.
„Bye, Miss Swan“, verabschiedete sie sich von mir, wobei sie mir leicht mit ihrem kleinen Händchen zuwinkte.
„Bye, Gracie. Bis morgen!“
Ich wartete so lange, bis die beiden aus meinem Blickfeld verschwunden waren und schloss dann erst die alte Wohnungstür, welche wie immer dabei etwas knarrte. In der Sekunde, als das Schloss in die Türe fiel, entflammte meine Wut aufs Neue. Sie loderte und wütete, wie ein ausgewachsenes Buschfeuer in mir und ließ mich förmlich rot sehen.
Mit schnellen Schritten stapfte ich ins Wohnzimmer, wo ich mein Telefon liegen gelassen hatte. Mit zitternden Händen ergriff ich es und drückte sogleich die Wahlwiederholungstaste. Dies hatte sich allerdings als gar nicht so einfach herausgestellt, da mir die bescheuerten Tränen, die mir innerhalb von wenigen Sekunden in die Augen geschossen waren, beinahe jegliche Sicht nahmen.
Einige Momente lang herrschte absolute Stille in der Leitung, als ich dann plötzlich ein lautes Knacken gefolgt von der Stimme von Mr. Cullens Sekretärin, Lauren, vernahm.
„Oh, Miss Swan. Wie kann ich Ihnen denn dieses Mal behilflich sein?“, fragte sie mich nachdem ich mich vorgestellt hatte. Und wieder das Herumgetippse auf ihrer Computertastatur deutlich wahrnehmbar.
„Sie könnten mir endlich ihren Chef, Mr. Cullen, ans Telefon holen!“, beantwortete ich ihr ihre Frage etwas barsch, wofür ich mich sogleich, als die Worte meinen Mund verlassen hatten, schuldig fühlte. Lauren war so ziemlich die letzte Person, die etwas für die momentane Situation konnte und somit solche Töne verdiente. Immerhin machte sie nur ihren Job. Die arme Frau musste die Launen dieses Typen wahrscheinlich jeden Tag ertragen. Wenn sie etwas verdient hatte, dann war es mein Mitleid. Ich seufzte.
„Bitte verzeihen Sie mir mein Verhalten Ihnen gegenüber. Sie sind nun wahrlich die falsche Person der mein Zorn gebührt.“ Pause. „Also, könnten Sie mich nun bitte mit Mr. Cullen verbinden?“
Nun war es an ihr zu seufzen. „Es tut mir sehr leid Ihnen das mitteilen zu müssen, Miss Swan, aber Mr. Cullen ist gerade … unpässlich.“
Schnell verdeckte ich mit meiner Hand das untere Ende meines Hörers, als ich spürte wie sich ein Schrei unerbittlich seinen Weg nach oben bahnte. Ich wollte nicht, dass Lauren etwas von meinem Anfall mitbekam - es gab bereits genug Menschen auf dieser Welt die mich für etwas verrückt hielten.
Ich schrie aus Leibeskräften, so laut ich konnte und bis mir meine Kehle schmerzte. Ließ einfach alles raus, was sich in den letzten Stunden und Tagen bei mir angestaut hatte. Mein Nachbar schien von meinem Ausbruch alles andere als erfreut, denn ein Klopfen - so stark, dass es die Wände zum Erbeben brachte -, gefolgt von einer Schimpftirade auf Italienisch waren seine Antwort auf mein Gebrüll.
„Miss Swan?“, hörte ich Laurens Stimme entfernt rufen.
Ich holte tief Luft, bevor ich mir den Hörer erneut ans Ohr hielt. „Ja?“
„Alles okay bei Ihnen?“
Okay? Nein. Nein, ist es nicht. Denn ich, Tochter eines Chiefs und somit jemand der das Gesetzesbuch beinahe in- und auswendig kennt, denke nämlich gerade ernsthaft darüber nach Ihren Boss zu ermorden! Was sagen Sie? Erwürgen oder doch eher erschießen?
„Alles bestens.“
„Okay.“ Sie glaubte mir nicht. „Soll ich Mr. Cullen etwas von Ihnen ausrichten?“ Wenn sie mein Ausbruch irritiert hatte, ließ sie sich es auf jeden Fall nicht anmerken.
„Ich bitte darum. Richten Sie ihm aus, dass wenn - “ An dieser Stelle unterbrach sie mich.
„Miss Swan? Ich höre gerade, dass Mr. Cullen nun doch Zeit hätte, um Sie zu sprechen. Soll ich Sie durchstellen?“
„Ich bitte darum.“, wiederholte ich meine Worte, zugegeben etwas überrumpelt. Plötzlich war da nur noch ein dumpfes Rauschen in der Leitung. Dann wieder ein Knacken.
„Ich gebe Ihnen genau eine Minute, Miss Swan“, hörte ich dann eine mir fremde Stimme etwas gelangweilt sagen.
Einen Moment lang dachte ich, ich hätte mich bloß verhört. Doch als er dann ungeduldig das Ticken einer laufenden Uhr imitierte, wusste ich, dass es meinen Ohren an nichts fehlte. Wofür hält sich dieser Kerl eigentlich? Er will es schnell? Das kann er ruhig haben.
„Punkt siebzehn Uhr.“
„So sehr ich es auch hasse es zugeben zu müssen, aber ich fürchte ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Miss Swan. Wären Sie so freundlich mir ein wenig auf die Sprünge zu helfen?“ Ich konnte die Verwirrung und den Ärger darüber deutlich in seiner Stimme hören. Auch meinte ich eine Spur Frustration raus gehört zu haben. Gut.
„Um diese Uhrzeit erwarte ich Sie bei mir, im Kindergarten, um Ihrer Tochter abzuholen: punkt siebzehn Uhr“, erläuterte ich ihm mit kühler und reservierter Stimme.
„Sonst was?“, verlangte er zu wissen.
„Sonst komme ich zu Ihnen - ganz einfach. Sie haben die Wahl Mr. Cullen. Aber ich an ihrer Stelle würde mich für Variante Nummer eins entscheiden.“
„Drohen Sie mir, Miss Swan?“, fragte er mich, belustigt aufschnaubend. Dieser Kerl hatte doch tatsächlich die Nerven noch amüsiert zu klingen!
„Oh, keineswegs, Mr. Cullen. Wo denken Sie bloß hin. Ich drohe nie - nicht mein Stil. Ich gebe Versprechen.“ Ich wartete seine Reaktion auf meine Worte gar nicht erst ab, sonder legte einfach auf.
Möge ihm Gott, oder was weiß ich wer beistehen, wenn er morgen nicht erscheint!