Sonntag, 26. Dezember 2010

Versprechen

Friedrich Rückert
(ein deutscher Dichter)

„Willkommen in meinem Reich“, empfing ich Gracie leicht keuchend, als ich die Tür schwungvoll öffnete und ihr mit einer versucht lässigen - wobei ich kläglich scheiterte - Handbewegung bedeutete einzutreten. Etwas zaghaft betrat sie das winzige Vorzimmer meiner zwei-Zimmer-Wohnung, oder wie ich sie nannte: meiner Villa Kunterbunt. Jeder Raum war nämlich in einer anderen Farbe gehalten. Wie auch schon vorher in der Garderobe im Kindergarten, waren ihre smaragdgrünen Augen groß, als sie beinahe ehrfurchtsvoll im Zimmer umherblickten. 
Ich liebte mein Appartement. Es war zwar nicht sonderlich groß; es hatte ein Wohn- und Esszimmer; eine kleine, funktionale Küche; ein kleines Bad, - sogar mit Fenster! - sowie ein gemütliches Schlafzimmer, welches aber auch gleichzeitig als Büro diente. Es befand sich in  einer Top-Lage und zwar in unmittelbarer Nähe des Kindergartens. Zu Fuß waren es bloß zehn Minuten.
Es war einfach perfekt, oder sagen wir nahezu perfekt. Das Einzige was mich an meinem Zuhause etwas störte - und das war nur milde ausgedrückt, denn ich hasste es - war, dass es sich im dritten Stockwerk eines Wohnblocks, welches über keinen Lift verfügte, befand. Ich hatte einfach null Kondition und das trat mir jedes Mal wieder, beim erklimmen all dieser Stufen, schmerzlich ins Bewusstsein; wenn ich am Ende angekommen dieselben Laute von mir gab, wie der altersschwache Mops meiner Nachbarin, Mrs. Miller.  
Dass ich es mit Gracie und dem großen Korb voller Muffins auf dem Arm hoch geschafft hatte, ohne in Ohnmacht zu fallen, kam beinahe einem kleinen Wunder gleich. Freu dich bloß nicht zu früh, Swan, schalt mich eine kleine, innere Stimme. Da hatte sie recht. Noch war ich nicht über dem Berg und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war mir auch ein kleines bisschen schwarz vor Augen. Ich seufzte. Vielleicht sollte ich doch mal dem kleinen Fitnessstudio um die Ecke einen Besuch abstatten? Immerhin zahlte ich denen jeden Monat ganze zwanzig Dollar. Ich verwarf den Gedanken, auch nur einen Schritt in dieses Gebäude zu setzten allerdings ganz schnell, als mein Gehirn augenblicklich von unzähligen Horrorszenarien durchflutet wurde. Alle waren anders, spielten sich an verschiedenen Gerätschaften ab und doch zeigten sie letztlich alle dasselbe: mich auf einer Bahre auf dem Weg ins Krankenhaus. 
Ein lautes Geräusch, welches dem Knurren eines Tieres glich, riss mich wieder aus meinen Gedanken. Nun ja, in dem Fall war es kein Tier das knurrte, sondern viel eher der vermutlich leere Magen von Grace. Amüsiert beobachtete ich, wie sich ihre Wangen rot verfärbten, als ihr bewusst wurde, dass ich es gehört hatte.
„Hunger?“, neckte ich sie lächelnd. Sie nickte - mal wieder. Ich seufzte. Schon auf dem Weg hier her hatte sie kein Sterbenswörtchen gesagt, sondern mir bloß mit Nicken und Kopfschütteln geantwortet. Es war wirklich frustrierend. Aber was hatte ich erwartet? Das sie mir sofort ihr kleines Herz ausschüttet?
„Was hättest du denn gerne?“, fragte ich sie. Sie antwortete mir bloß mit einem Schulterzucken. Wir machen Fortschritte, dachte ich sarkastisch und schnaubte kaum hörbar auf. Statt nur dem ewigen Nicken und dem Kopfschütteln, hatten wir jetzt auch noch das Schulterzucken.
„Was isst du denn am liebsten?“, formulierte ich die Frage neu. Ein sehr cleverer Schachzug von mir, wie sich dann herausstellte, denn wie aus der Pistole geschossen und mit einem riesen Grinsen im Gesicht antwortete sie mir: „Spaghetti“.
„Na dann … auf in die Küche!“
°°°
„Ich kriege keinen Bissen mehr runter!“, brachte ich leise stöhnend hervor und rieb mir dabei vorsichtig über meinen Bauch, der nach diesem „Festmahl“, sofern man Spaghetti so bezeichnen konnte, eine deutliche Wölbung aufwies. Überfressen traf momentan ziemlich gut auf mich zu. Eigentlich war mir schon nach der Hälfte meiner, relativ großen, Portion nicht mehr nach Essen zu Mute gewesen und doch hatte ich weiter gegessen. Einfach alles in mich reingestopft, wie eines dieser fetten Masthühner, deren Sättigungszentrum im Gehirn „kaputtgezüchtet“ wurde. Mir hatte meine Mom mein Sättigungszentrum kaputtgezüchtet. Denn immer und immer wieder hatte sie mir versucht einzutrichtern, es würde am nächsten Tag regen, wenn ich nicht alles sich auf meinem Teller befindende, verputzen würde.
Schnell musste ich realisieren, dass ich keine Auswirkungen auf das Wetter hatte. Denn obwohl mein Teller nachher immer brav geleert war, hatte es am nächsten Tag in Strömen geregnet. Und noch viel schneller musste ich realisieren, dass Regen in Forks - der Stadt mit der wohl höchsten Niederschlagsrate in ganz Amerika - gar nicht so unüblich war.
„Wie steht es mit dir, Gracie? Nachschlag?“
Ein kleines Stöhnen entwich ihr, als sie heftig ihren Kopf schüttelte, wobei ihre traumhaften Locken wild umherflogen. „Nein danke, Miss Swan“, fügte sie dann noch leise hinzu.
Glücklicherweise hatte ich ihr vorher eine Serviette umgelegt, da sie sich mit dem Aufwickeln der Spaghetti noch etwas schwer tat. Wer konnte es ihr auch verübeln? Diese Biester konnten verdammt glitschig und glibberig sein. Die Serviette war beinahe komplett mit der Tomatensauce verschmiert und ihr Gesicht machte da nicht gerade einen besseren Eindruck. Am liebsten hätte ich meine Kamera gezückt, um diesen Moment für immer festzuhalten - sie sah einfach bezaubernd aus! Da ihr Vater von diesem Anblick wahrscheinlich nicht so verzückt gewesen wäre, entschied ich mich sie in mein Bad zu nehmen, um sie wieder sauber zu bekommen.
Gerade als sie wieder frei von Sauce war und damit erneut präsentabel aussah, ertönte das laute Schrillen der Tür. Ich warf einen kurzen Blick auf die kleine Uhr im Bad. Hatte ich bereits erwähnt, dass ich eine kleine Uhr-Fanatikerin war? Ich liebte Uhren - wirklich. Ob groß oder klein, ausgefallen oder doch eher klassisch; ich sammelte sie alle. Zur Zeit zählten rund vierzig Uhren zu meiner kleinen Sammlung. Im Bad hing jedoch bloß eine von diesen vierzig und diese zeigte mir, dass es bereits zwölf vor sieben war. Da hatte sich der feine Herr aber Zeit gelassen. Wie lange dauern solche blöden Meetings überhaupt? Bevor ich diesen Gedanken allerdings weiter verfolgen konnte läutete es abermals. Na da ist aber einer ungeduldig.
„Ich komme ja schon!“, rief ich leicht genervt und etwas zu laut auf dem Weg zur Türe. Zuerst nicht auftauchen, mich dann aber hetzen wollen. So etwas hatte ich gern. Schnell entriegelte ich das Sicherheitsschloss und öffnete die Tür.
„Ähm … Mr. Cullen?“, fragte ich die etwas fülligere Frau, die vor mir in der Türe stand, etwas verwirrt. Ich schätzte sie auf Mitte fünfzig.
„Aber nein, Liebes. Ich bin Mrs. Cope, Gracies Kindermädchen“, antwortete sie mir laut und herzlich lachend.
Was zum … ? Kindermädchen?
„Oh … okay und … Mr. Cullen ist wo?“ Er hat doch wohl nicht … ? Oh nein! Nein, nein, NEIN!! Bitte, nicht vorhandener Gott,  lass es nicht das sein was ich denke das es ist! Bitte lass ihn nur unten in seinem Auto warten!
Ihr Lachen verstummte augenblicklich und ihre Miene wurde ernst. „Mr. Cullen lässt sich entschuldigen, ihm ist noch etwas sehr wichtiges dazwischen gekommen“, ratterte sie schnell runter. Wahrscheinlich war es nicht das erste Mal, dass sie mit dieser Ausrede kam. 
Ich konnte es nicht glauben. Er hatte es getan. Er hatte sie versetzt - schon wieder! Dieser miese, schäbige …
Ich holte ganz tief Luft, füllte meine Lungen mit so viel Luft wie möglich, und stieß sie dann hörbar wieder aus.  „Okay. Würden Sie bitte solange hier warten, bis sich Gracie angezogen hat?“
„Aber natürlich.“
Ganz sachte schloss ich die Türe und senkte meine Stirn dagegen. Ich schloss meine Augen und tat das was ich neuerdings immer tat wenn ich vor lauter Zorn am Kochen war: Ich zählte ganz langsam bis zehn und achtete dabei sorgsam auf meine Atmung - ein Tipp von meiner liebevollen, unberechenbaren und durchgeknallten Mutter, Renée. Meditation war seit kurzem ihre Lieblingsbeschäftigung, zumindest für diese Woche. Weiß der Teufel was sie dann als nächstes ausprobieren möchte, vielleicht ja Drachenfliegen? 
Ganz langsam öffnete ich meine Augen wieder. Ich fühlte mich keineswegs ruhiger. Auch nicht, nachdem ich bis zwanzig gezählt hatte. Toller Tipp, Mom … 
Plötzlich hörte ich ein lautes Seufzen und wandte meinen Blick langsam, über meine Schulter,  nach hinten. Gracie stand dicht hinter mir und versuchte gerade den Reißverschluss ihrer Jacke zu schließen. Schnell eilte ich an ihre Seite, nahm ihr den Verschluss vorsichtig ab und zog ihn mit einer gekonnten Handbewegung hoch. Sie bedankte sich leise, ließ ihren Blick aber auf ihren Händen liegen, die noch immer mit dem Ende ihrer Jacke spielten. Sanft umfassten meine Finger ihr Kinn und zwangen sie somit meinen Blick zu erwidern.
„Alles in Ordnung?“ Und der Award für die bescheuertste Frage geht dann ja wohl an mich, dachte ich und verdrehte innerlich meine Augen. Nichts war in Ordnung - und das war untertrieben! Ich konnte und wollte diese Leute einfach nicht nachvollziehen. Warum hatten sie sich entschieden ein Kind in diese Welt zu setzen, wenn sie sich dann nicht um Jenes kümmern wollten? Es war mir ein Rätsel.
„Warum hat mein Daddy mich nicht lieb?“, hörte ich sie dann mit leiser Stimme fragen. Es war kaum ein Flüstern und doch war es, als würde sie mir all ihren Schmerz entgegen schreien. Er traf mich mit voller Wucht und raubte mir die Luft zum atmen. Diese missratenen Kreaturen hatten es doch tatsächlich geschafft ihr Kind - ihr eigen Fleisch und Blut - glauben zu lassen, es sei ungeliebt.
Zu beschreiben was ich in diesem Moment fühlte, war beinahe unmöglich. Es war wie ein Strudel aus Trauer, Mitleid, Wut und Kummer … Doch das Gefühl, welches mich förmlich von Innen heraus verschlang, an welchen ich jämmerlich zu ersticken drohte, war … Hass. So stark wie ich ihn noch nie zuvor für jemanden empfunden hatte.
„Was redest du da? Natürlich liebt dich dein Daddy!“, widersprach ich ihr jedoch sofort und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Meine Miene verriet nicht, wie sehr mich ihre Frage aus der Bahn geworfen hatte.
Doch sie schien nicht überzeugt zu sein. Sie verzog leicht ihr Gesicht, blieb ansonsten jedoch stumm.  
„Gracie“, setzte ich erneut an, „Es gibt bestimmt einen Grund, weshalb dein Daddy nicht kommen konnte und bestimmt tut es ihm auch wahnsinnig Leid, dass er Mrs. Cope schicken musste. Aber dein Daddy liebt dich - sehr sogar! Wie könnte er so ein tolles Mädchen, wie dich auch nicht lieben?“, beteuerte ich ihr abermals. Ich hoffte so sehr, dass sie meinen Worten Glauben schenken würde. Sie musste einfach! Ich konnte es schlichtweg nicht mehr ertragen sie so zu sehen.
Ihre Reaktion auf meine kleine Rede war bloß ein schwaches Lächeln. Doch ich wollte mich damit nicht zufrieden geben. Ich wollte mehr als bloß dieses verdammte Nicken! Deshalb schnappte ich sie mir, zog sie ganz nah an mich heran und fing an sie durchzukitzeln. Sie stieß zunächst ein lautes Quieken hervor, bevor sie dann, wie geplant und von mir erhofft, in lautes, schallendes Gelächter ausbrach.
„N- Nein!“, schrie sie aus vollem Halse und warf sich dabei hin und her, wandte sich wie verrückt unter meinem Griff, als sie versuchte sich aus Diesem zu befreien. Doch sie schaffte es nicht. Dafür war mein Griff um ihre Seite viel zu fest.
„Soll ich aufhören?“, fragte ich sie über ihr glockenhelles Lachen hinweg. Und wieder bloß dieses mir verhasste Nicken. Doch so einfach wollte ich es ihr nicht machen. Mehr!
„Oh nein! So nicht, kleines Fräulein. Sag es!“, forderte ich sanft.
„Auf - Aufhören!“
Und da ich ja mal nicht so sein wollte, ließ ich abrupt von ihr ab, sogar ohne das Zauberwort „Bitte“ gehört zu haben. Ihr Atem kam nach diesem kleinen Übergriff  nur stoßweise, jedoch zierte ein riesiges und ehrliches Lächeln ihr Gesicht. Zum ersten Mal in den ganzen vier Monaten, in denen ich sie nun schon kannte, erlebte ich sie so, wie es sich für ein Kind in ihrem Alter gehörte: glücklich und sorgenfrei. Ihr unbeschwertes und helles Kichern erfüllte den winzigen Raum und ließ mir das Herz in meiner Brust vor Freude förmlich auf die doppelte Größe anschwellen. Bereits jetzt war ich süchtig nach diesem wundervollen Geräusch.
„Viel besser!“, lobte ich sie warm und strich ihr erneut über die nun so wundervoll gerötete Wange, bevor ich mich erhob und die Türe öffnete, um sie austreten zu lassen.
Im Türrahmen vor mir, fand ich eine sichtlich alarmierte Mrs. Cope vor. Verdammt! An die hatte ich ja gar nicht gedacht.
Glücklicherweise schien ihre Sorge um Gracie zu verpuffen, als sie diese strahlend neben mir erblickte.
„Hallo, Mrs. Cope“, grüßte sie sie gewohnt höflich. Wenn ihre Eltern eine Sache richtig gemacht haben, dann waren es ihre Manieren.
„Hallo, Grace. Na, bereit zum Gehen?“, erkundigte sie sich freundlich und hob sie dann - nachdem sie beruhigenderweise auch bloß ein Nicken als Antwort bekommen hatte - auf ihren Arm. Gracie ließ das alles brav und ohne Mucks über sich ergehen.
„Bye, Miss Swan“, verabschiedete sie sich von mir, wobei sie mir leicht mit ihrem kleinen Händchen zuwinkte.  
„Bye, Gracie. Bis morgen!“
Ich wartete so lange, bis die beiden aus meinem Blickfeld verschwunden waren und schloss dann erst die alte Wohnungstür, welche wie immer dabei etwas knarrte. In der Sekunde, als das Schloss in die Türe fiel, entflammte meine Wut aufs Neue. Sie loderte und wütete, wie ein ausgewachsenes Buschfeuer in mir und ließ mich förmlich rot sehen.
Mit schnellen Schritten stapfte ich ins Wohnzimmer, wo ich mein Telefon liegen gelassen hatte. Mit zitternden Händen ergriff ich es und drückte sogleich die Wahlwiederholungstaste. Dies hatte sich allerdings als gar nicht so einfach herausgestellt, da mir die bescheuerten Tränen, die mir innerhalb von wenigen Sekunden in die Augen geschossen waren, beinahe jegliche Sicht nahmen.
Einige Momente lang herrschte absolute Stille in der Leitung, als ich dann plötzlich ein lautes Knacken gefolgt von der Stimme von Mr. Cullens Sekretärin, Lauren, vernahm.
„Oh, Miss Swan. Wie kann ich Ihnen denn dieses Mal behilflich sein?“, fragte sie mich nachdem ich mich vorgestellt hatte. Und wieder das Herumgetippse auf ihrer Computertastatur deutlich wahrnehmbar.
„Sie könnten mir endlich ihren Chef, Mr. Cullen, ans Telefon holen!“, beantwortete ich ihr ihre Frage etwas barsch, wofür ich mich sogleich, als die Worte meinen Mund verlassen hatten, schuldig fühlte. Lauren war so ziemlich die letzte Person, die etwas für die momentane Situation konnte und somit solche Töne verdiente. Immerhin machte sie nur ihren Job. Die arme Frau musste die Launen dieses Typen wahrscheinlich jeden Tag ertragen. Wenn sie etwas verdient hatte, dann war es mein Mitleid. Ich seufzte.
„Bitte verzeihen Sie mir mein Verhalten Ihnen gegenüber. Sie sind nun wahrlich die falsche Person der mein Zorn gebührt.“ Pause. „Also, könnten Sie mich nun bitte mit Mr. Cullen verbinden?“
Nun war es an ihr zu seufzen. „Es tut mir sehr leid Ihnen das mitteilen zu müssen, Miss Swan, aber Mr. Cullen ist gerade … unpässlich.“
Schnell verdeckte ich mit meiner Hand das untere Ende meines Hörers, als ich spürte wie sich ein Schrei unerbittlich seinen Weg nach oben bahnte. Ich wollte nicht, dass Lauren etwas von meinem Anfall mitbekam - es gab bereits genug Menschen auf dieser Welt die mich für etwas verrückt hielten.
Ich schrie aus Leibeskräften, so laut ich konnte und bis mir meine Kehle schmerzte. Ließ einfach alles raus, was sich in den letzten Stunden und Tagen bei mir angestaut hatte. Mein Nachbar schien von meinem Ausbruch alles andere als erfreut, denn ein Klopfen - so stark, dass es die Wände zum Erbeben brachte -, gefolgt von einer Schimpftirade auf Italienisch waren seine Antwort auf mein Gebrüll.
„Miss Swan?“, hörte ich Laurens Stimme entfernt rufen.
Ich holte tief Luft, bevor ich mir den Hörer erneut ans Ohr hielt. „Ja?“
„Alles okay bei Ihnen?“
Okay? Nein. Nein, ist es nicht. Denn ich, Tochter eines Chiefs und somit jemand der das Gesetzesbuch beinahe in- und auswendig kennt, denke nämlich gerade ernsthaft darüber nach Ihren Boss zu ermorden! Was sagen Sie? Erwürgen oder doch eher erschießen?
„Alles bestens.“
„Okay.“ Sie glaubte mir nicht. „Soll ich Mr. Cullen etwas von Ihnen ausrichten?“ Wenn sie mein Ausbruch irritiert hatte, ließ sie sich es auf jeden Fall nicht anmerken.
„Ich bitte darum. Richten Sie ihm aus, dass wenn - “ An dieser Stelle unterbrach sie mich.
„Miss Swan? Ich höre gerade, dass Mr. Cullen nun doch Zeit hätte, um Sie zu sprechen. Soll ich Sie durchstellen?“
„Ich bitte darum.“, wiederholte ich meine Worte, zugegeben etwas überrumpelt. Plötzlich war da nur noch ein dumpfes Rauschen in der Leitung. Dann wieder ein Knacken.
„Ich gebe Ihnen genau eine Minute, Miss Swan“, hörte ich dann eine mir fremde Stimme etwas gelangweilt sagen.
Einen Moment lang dachte ich, ich hätte mich bloß verhört. Doch als er dann ungeduldig das Ticken einer laufenden Uhr imitierte, wusste ich, dass es meinen Ohren an nichts fehlte. Wofür hält sich dieser Kerl eigentlich? Er will es schnell? Das kann er ruhig haben.
„Punkt siebzehn Uhr.“
„So sehr ich es auch hasse es zugeben zu müssen, aber ich fürchte ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Miss Swan. Wären Sie so freundlich mir ein wenig auf die Sprünge zu helfen?“ Ich konnte die Verwirrung und den Ärger darüber deutlich in seiner Stimme hören. Auch meinte ich eine Spur Frustration raus gehört zu haben. Gut.
„Um diese Uhrzeit erwarte ich Sie bei mir, im Kindergarten, um Ihrer Tochter abzuholen: punkt siebzehn Uhr“, erläuterte ich ihm mit kühler und reservierter Stimme.
„Sonst was?“, verlangte er zu wissen.
„Sonst komme ich zu Ihnen - ganz einfach. Sie haben die Wahl Mr. Cullen. Aber ich an ihrer Stelle würde mich für Variante Nummer eins entscheiden.“
„Drohen Sie mir, Miss Swan?“, fragte er mich, belustigt aufschnaubend. Dieser Kerl hatte doch tatsächlich die Nerven noch amüsiert zu klingen!  
„Oh, keineswegs, Mr. Cullen. Wo denken Sie bloß hin. Ich drohe nie - nicht mein Stil. Ich gebe Versprechen.“ Ich wartete seine Reaktion auf meine Worte gar nicht erst ab, sonder legte einfach auf.
Möge ihm Gott, oder was weiß ich wer beistehen, wenn er morgen nicht erscheint!

Anfang

[Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.]
Laotse
(historisch nicht fassbarer chinesischer Philosoph)

„Guten Tag, Miss Swan!“
Ich erschrak, als plötzlich eine laute, mir aber sehr wohl bekannte, Stimme an meine Ohren drang und ließ dabei einen Stapel Zeichnungen fallen, welche leise raschelnd zu Boden glitten.
Schnell bückte ich mich, um diese wieder aufzuheben. Wahrscheinlich etwas zu schnell, denn augenblicklich meldete sich das altbekannte Ziehen in meinem Rücken. Ich stöhnte schmerzvoll auf und rieb mir mit der freien Hand über meinen verspannten Nacken. Höchste Zeit Alejandro wieder mal einen kleinen Besuch abzustatten, dachte ich sehnsüchtig. Seit dem letzten Mal, als ich seine kräftigen und geübten Hände auf mir gespürt hatte, war einfach schon viel zu viel Zeit vergangen. Oh Gott … diese Hände! 
Konzentration, Bella!, ermahnte ich mich selbst. Um diese unwillkommenen Gedanken wieder loszuwerden, schüttelte ich kurz meinen Kopf und richtete dann meinen Blick auf den Eingang links neben mir. Wie ich bereits vermutet hatte, war es Mrs. Hannigan, die ihren Kopf durch die Türe steckte und mir nun ein entschuldigendes Lächeln schenkte.
 „Schön Sie zu sehen, Mrs. Hannigan! Kommen sie doch rein.“ Ich hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt und bedeutete ihr mit einer kleinen Handbewegung einzutreten.
Stephanie Hannigan war die unangefochtene Spitze meiner Lieblingsmütter hier im Kindergarten, denn jede Faser dieser Frau versprühte gute Laune - sie war einfach der totale Sonnenschein! Ihre strahlend, blonden Haare unterstrichen diesen Eindruck nur. Nun gut, wenn ich ehrlich war, lag ihre Beliebtheit bei mir zum Teil auch an ihren Backkünsten. Für ihre selbstgemachten Triple-Chocolate-Chip Muffins würde ich morden! Wie der Name vielleicht bereits erahnen ließ, waren diese Dinger so „Kalorienarm“, das man praktisch allein schon bei dem bloßen Gedanken an das Verspeisen dieser kleinen Versuchungen spüren konnte, wie sich einem das Fett auf die Hüften legte. Aber Gott, sie waren es wert!
Sehr zu meinem Leidwesen musste ich rasch feststellen,  dass sie dieses Mal keine dieser süßen Leckereien bei sich trug.
Verdammt!
Und dabei hätte ich nach der Szene heute Morgen, eine ordentliche Portion Zucker gebrauchen können.
Unwillkürlich schweiften meine Gedanken - mal wieder - zu Mrs. Meine-Nägel-Sind-Ja-Ach-So-Wichtig und mein Blick zu Gracie, die ruhig an einem Tisch saß und etwas malte. Das tat sie gern - malen. Es war ihre Art die Dinge, die sie beschäftigten und ihr auf der Seele lasteten,  zu verarbeiten. Ihre Stirn war dabei meistens in Falten gelegt und ihre Zunge hatte sie ein Stückchen weit herausgestreckt. Dieses Gesicht zog sie nicht nur beim Malen, sondern immer sobald sie sich konzentrierte oder angestrengt über etwas nachdachte. Es war eine ihrer alten, einfach zum anbeißen niedlichen, Marotten. 
In letzter Zeit war mir aufgefallen, dass sie seit kurzem nur noch Bilder von sich selbst zeichnete. Die Schauplätze wechselten zwar, doch sie blieb immer allein. Als ich sie darauf angesprochen und sie gefragt hatte, wo denn ihre Eltern seien, antwortete sie mir lediglich „arbeiten“. Augenblicklich waren mir heiße Tränen in die Augen geschossen und ein Klumpen, so groß, das er es mir schier unmöglich machte zu sprechen, hatte sich in meiner Kehle gebildet - ausgelöst von einem einzigen und eigentlich so harmlosen Wort.  
„Mommy!“
Noahs ohrenbetäubender Freudenjubel holte mich erfreulicherweise aus meinen trübseligen Gedanken - da sie mich sowieso bloß nur in tiefschürfende Depressionen gestürzt hätten - und beförderte mich wieder zurück ins Hier und Jetzt.
Mit weit von sich gestreckten Armen lief er schnell auf seine Mutter zu und stürzte sich dann mit solch einer Kraft auf sie, dass sie große Mühe hatte ihr Gleichgewicht zu halten und nicht rücklings auf dem Boden zu landen.
 „Nicht so stürmisch, Liebling! Du hättest Mommy beinahe umgehauen!“, rügte sie ihn sanft, als sie ihn in ihre Arme schloss. Ihr helles, glückliches Lachen schallte durch den Raum.
Ich konnte ein kleines Seufzen nicht unterdrücken, als mir klar wurde, dass Gracie diese kleine Szene eben, leider nicht entgangen war. Ihre Miene gab nicht viel von dem Preis, was sie fühlte.  Sie war regungslos. Ihre Augen jedoch sprachen Bände. Sie wirkten leer und stumpf, als sie denn beiden bei der innigen Umarmung zusah.
 „Und, Miss Swan? Irgendwelche Beschwerden?“, fragte Mrs. Hannigan mich dann - unnötigerweise, wohl gemerkt. Denn sie tat dies jedes Mal, und jedes Mal wieder verneinte ich.
Wie gewohnt winkte ich ab. „Machen sie sich keine Sorgen. Noah war großartig. Er hat heute beim Fußball sogar ein Tor geschossen!“
„Wirklich wahr?“ Ich kicherte leicht, als ich ihre ungläubige Miene sah. Ja, selbst in ihrer Stimme lag ein verblüffter Unterton. Ihre Verwunderung war jedoch mehr, als nur berechtigt, wenn man bedachte, das ihr Sohn in Punkto Tollpatschigkeit beinahe sogar mir das Wasser reichte. Und das sollte schon etwas bedeuten.
„Ja, Mommy! Und ich bin nicht hingefallen!“, verkündete er mit stolzer Stimme. Ein breites Lächeln, welches seine riesige Zahnlücke preisgab, zierte sein Gesicht.
„Das ist ja toll, Liebling! Du musst mir unbedingt alles auf der Heimfahrt erzählen!“, erwiderte sie enthusiastisch, woraufhin er eifrig nickte.
Sie stand wieder auf, nahm seine Hand und warf mir ein letztes, warmes Lächeln zu „Wir machen uns dann mal auf den Weg. Vielen Dank und einen schönen Abend noch!“
Kaum hatten sie den Raum verlassen, klopfte es schon wieder an der Tür. Dieses Mal war es jedoch nicht eine meiner Mütter, die den Raum betrat, sondern meine Kollegin Angela Weber.
 „Hey, Ang! Was gibt’s?“, fragte ich sie, obwohl ich mir eigentlich schon denken konnte, warum sie hier war, da sie bereits ihre Jacke und ihre Schuhe angezogen hatte.
Ich hatte Angela wirklich sehr gern. Uns trennten zwar knapp sieben Jahre - sie war bereits 26 Jahre alt-  doch waren wir uns in vielen Hinsichten sehr ähnlich; waren oft der gleichen Meinung. Wir beide gehörten eher zu der schüchternen Sorte Mensch, doch waren wir bereit für die, die uns am Herzen lagen, Berge zu versetzen. Und vor allem waren wir beide verrückt nach unseren Zwergen.
„Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich meine kleinen Monster losgeworden bin und mich auf den Weg nach Hause mache. Meine anderen kleinen Monster warten bereits sehnsüchtig.“, bestätigte sie mir meine Annahme mit einem kleinen Zwinkern.  
Neben Zuneigung und Verbundenheit empfand ich für sie vor allem tiefe Bewunderung. Ihre Mutter verstarb bei der Geburt ihrer Zwillinge. Angela war damals erst 20 Jahre alt, dennoch hatte sie sich der beiden angenommen und kümmerte sich seitdem rührend um Joshua und Isaac. Was mit Mr. Weber passiert war, wusste ich nicht. Oder besser gesagt, nicht genau. Angelas Reaktionen auf ihn hatten in mir allerdings einen kleinen Verdacht hervorgerufen. Doch hatte ich mich nie so weit gebracht, sie nach ihm zu fragen. Er war einfach ein rotes Tuch für sie.
„Okay, dann bis Morgen. Ich bin dann auch gleich weg.“ Ich nickte mit meinen Kopf Richtung Gracie, gab ihr damit zu verstehen, dass mich nur noch Mr. Cullen warten ließ. Sie nickte und entschwand dann in das abendliche Seattle.
Mein Blick huschte kurz über die Zeiger der großen Winnie Puuh Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Es war sechzehn nach fünf. Ich seufzte. Fünfzehn Minuten die uns der feine Herr schon warten ließ. Genervt schloss ich für einen kurzen Moment meine Augen und fuhr mir meiner Hand über mein Gesicht. Dieser Mann wusste wirklich wie man ein schlechtes Bild von sich machte.
Aus dem Augenwinkel heraus erhaschte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Gracie! Sie versuchte doch gerade tatsächlich sich aus dem Raum zu schleichen! Was zum … ?
„Grace Elizabeth Cullen!“, rief ich ihr laut nach, wie ich dann realisierte etwas zu laut. Sie fuhr erschrocken zusammen und ich ohrfeigte mich gedanklich sofort dafür. Das Letzte was dieses Kind nun brauchte, waren harsche Worte.
Nur ganz zögerlich drehte sie sich mir zu, sah mich allerdings nicht an, sondern hielt ihren Blick starr auf ihre Füße gerichtet.
„Wo willst du denn hin, junges Fräulein?“, erkundigte ich mich. Dieses Mal jedoch achtete ich sorgsam darauf meine Stimme ruhig und sanft zu lassen.
„Nach Hause, Miss Swan.“, antwortete sie mir mit einem Gesichtsausdruck der so viel bedeuten sollte, wie „Wohin denn sonst du Doofie?“
Ich lachte bitter auf. „Alleine? Wohl kaum, kleine Grace.“
Was ging bloß in dem Kopf dieses Mädchens vor sich? Wusste sie denn gar nicht, wie gefährlich das war, selbst für uns Erwachsene, geschweige denn für Kinder? Hatten ihr ihre Eltern denn gar nichts beigebracht? Apropos Eltern …
 „Komm.“ Ich reichte ihr meine Hand. Doch anstatt diese zu ergreifen, blickte sie mich nur verwirrt an. Immer wieder glitt ihr Blick, welcher voller unausgesprochener Fragen war, zu meiner Hand und dann wieder zurück zu meinem Gesicht.
„Wie gehen deinen Daddy anrufen“, erklärte ich, meine Hand immer noch reichend.
Und dieses Mal ergriff sie sie. Ganz zaghaft legte sie ihre kleine, warme Hand in die meine. Unwillkürlich musste ich lächeln. Zwar war diese Geste nur ein winziger Schritt, nichts desto trotz war er von großer Bedeutung. Wie sagte man noch so schön? Jeder Schritt ist der Anfang einer meilenlangen Reise. Oder lautete das Sprichwort doch irgendwie anders? … Wie auch immer …
Hand in Hand verließen wir unseren Gruppenraum, den Hundertmorgenwald. All unsere Aufenthaltsräume hier im Kindergarten hatten nämlich ein bestimmtes Thema. Neben dem mir zugeteilten Hundertmorgenwald gab es noch das luftige Wolkenreich der Glücksbärchis, Atlantica, das ach so blaue Unterwasserreich in dem die kleine Arielle zu Hause war und zu guter letzt natürlich auch Heidi’s Alm, samt den vielen Ziegen und dem Ziegenpeter. Die restlichen Räume waren allesamt in verschiedenen, sanften Erdtönen gehalten, wahrscheinlich um zu verhindern, dass das Personal Amok lief. Denn all dieser Disney-Kram, so schön er auch sein mag, ging einem dann doch an die Substanz.
Vor dem Mitarbeiter- Raum machte ich halt. Etwas verwirrt hatte ich festgestellt, dass Gracie ihre Augen weit aufgerissen hatte. Sie wirkte schockiert. Hatte sie Angst? Und plötzlich machte es Klick! Natürlich, dachte ich und rollte innerlich mit meinen Augen. Den Kindern war es normalerweise strengstens verboten diesen Raum zu betreten. Nur mit größter Mühe schaffte ich es mein, sich anbahnendes, Kichern zu unterdrücken.
„Das bleibt unser kleines Geheimnis“, flüsterte ich ihr verschwörerisch zu und zwinkerte. Sie nickte eifrig und zum ersten Mal seit Wochen konnte ich sehen wie sich ein breites Lächeln auf ihre Lippen legte. Augenblicklich fühlte ich, wie mich eine Welle der Erleichterung durchflutete. Zu behaupten mir wäre ein Stein vom Herz gefallen, wäre eine maßlose Untertreibung. Ein verdammter Fels kam der Sache allerdings schon etwas näher.
Ich öffnete die Türe und trat ein. Der Raum war groß, war er doch Garderobe, Kochgelegenheit und Aktenverwahrung in einem. Er war jedoch im Vergleich zu den restlichen Räumen eher spärlich eingerichtet. Zwei große Aktenschränke, einige Spinde und eine kleine Küche samt einem großen Esstisch und zehn Stühlen waren alles, was an Inventar vorhanden war.
Mit einer schwungvollen Bewegung hob ich Gracie hoch, was ihr ein kleines Quicken entlockte, und setzte sie auf den großen Tisch.
„Du bleibst brav hier, während ich mit deinem Daddy rede, okay?“ Und wieder bekam ich nur ein kleines Nicken. Ich seufzte. Dieses Mädchen redet eindeutig zu wenig …
Gerade, als ich mich umdrehen wollte, um mir Gracies Akte zu holen, fiel mir ein großer Gegenstand auf der Küchenzeile auf. Ein Gegenstand der normalerweise nicht dort stand, mir aber doch nicht fremd war. Es war ein riesiger Korb voller Muffins - Triple-Chocolate-Chip Muffins, um genau zu sein. Vor dem Korb entdeckte ich auch eine kleine Notiz.
Sie haben doch nicht wirklich geglaubt ich käme ohne. Stephanie H.
Mrs. Hannigan! Diese Frau schickte der Himmel - Sie und ihre göttlichen Kreationen! Schon von dem Anblick lief mir das Wasser im Munde zusammen und von dem Geruch, der mir jetzt sanft in die Nase stieg, wollte ich erst gar nicht beginnen.
Um sicherzustellen, dass ich sie ja nicht vergas mit nach Hause zu nehmen, machte ich mir eine kleine gedankliche Notiz. Obwohl die Chancen höher standen, dass ich ohne Schuhe nach Hause gehen würde, als ohne diese Muffins.
Sicher ist sicher, dachte ich schulterzuckend.
Als ich die Nummer von Mr. Cullen kurze Zeit später dann hatte, holte ich meine Schlüssel aus der Hosentasche hervor, sperrte meinen Spind auf und zückte geschwind mein Telefon.
Ich wusste nicht welche Nummer ich zuerst anrufen sollte. Ob seine private Handynummer, oder die seines Arbeitsplatzes. Ich entschied mich dann letztlich für seine Private, da er wahrscheinlich gar nicht mehr bei der Arbeit war. Ich dachte, er könnte möglicherweise im Stau stehen und käme deshalb so spät. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen. Der Verkehr in Seattle war um diese Zeit furchtbar.
Doch schon nach dem zweiten tuten sprang die Mailbox an. Mist! Mit einem genervten Stöhnen legte ich auf und tippte schnell die zweite Nummer, die er angegeben hatte in mein Handy ein. Eine andere Wahl blieb mir ja leider nicht.
Und ich hatte Glück. Schon nach dem ersten Läuten meldete sich eine Frau, die sich als Lauren Mallory vorstellte -  Mr. Cullens Sekretärin.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
„Ähm … ja, nun ich würde gerne Mr. Cullen sprechen.“, erklärte ich ihr kurz. Ich scheiterte kläglich im Versuch locker zu klingen, meine Stimme zitterte leicht vor Nervosität. Und seltsamerweise fühlte ich mich auch ein wenig nervös. Doch auf das Warum konnte ich mir ehrlich gesagt keinen Reim machen.
„Tut mir leid, Miss. Mr. Cullen ist gerade in einem Meeting.“ Ihre sonore Stimme klang professionell und freundlich. Im Hintergrund konnte man sie auf einer Tastatur herum tippen hören.
Was zum … ? Hatte ich da gerade richtig verstanden? Meeting? Er versetzte seine Tochter und brach ihr das Herz wegen eines verdammten Meetings? Ich bemerkte, wie plötzlich meine Hand angefangen hatte zu zittern. Doch nicht aus anfänglicher Nervosität - oh nein! Sondern aus Wut. Was um Himmels Willen hatte dieses Mädchen getan um solche Eltern zu verdienen? Ich holte tief Luft, bemüht mich wieder zu beruhigen.
„Es ist aber wirklich dringend. Es geht um seine Tochter, Grace.“, versuchte ich es erneut. Ich hörte ihr leises Seufzen und für einige Momente verstummte das Geräusch der Tastatur.
„Ist sie verletzt?“, erkundigte sie sich. Leichte Sorge schwang in ihrer Stimme mit.
Was? „Verletzt? Nein … nein das ist sie - “
„Dann kann ich Ihnen leider nicht helfen, Miss … ?“
„Swan. Isabella Swan“, stellte ich mich etwas verspätet vor. Ich fühlte mich genauso wie ich klang: müde, erschöpft und ausgelaugt.
„Wären Sie dann vielleicht so freundlich Mr. Cullen etwas von mir auszurichten?“ Sein Name aus meinem Mund glich eher einer wüsten Beschimpfung.
„Aber natürlich, Miss Swan.“
„Gut. Bitte richten sie ihm aus, dass ich Grace mit zu mir nehme, da es Mr. Cullen wohl nicht als wichtig erachtet seine Tochter pünktlich abzuholen.“
Ich gab ihr noch schnell meine Adresse durch und legte dann auf. Wie soll ich das jetzt bloß Gracie mitteilen? Ich blickte über meine Schulter hinweg, kurz zu ihr hinüber. Wie ihr aufgetragen, saß sie immer noch still auf dem großen Tisch. Neugierig schweiften ihre Augen im Raum umher. Sie betrachtete alles ganz genau und schien förmlich  jedes noch so kleine und unbedeutende Detail aufzusaugen. Geräuschvoll stieß ich einen Schwall Luft aus meinen Lungen und fuhr mir nervös durch meine Haare. Mach schon, Bella. Bring es hinter dich!, forderte mich eine kleine innere Stimme auf. Ich straffte meine Schultern, setzte ein Lächeln auf meine Lippen und ging zurück zu ihr.   
„Was hältst du davon mit zu mir zu kommen?“ Ich entschied mich es einfach auszuspucken, anstatt hier ewig lang um den heißen Brei herum zu reden. Vor allem, weil ich mir dadurch erhoffte keine Fragen bezüglich ihres Vaters beantworten zu müssen.
Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn das Glück war eher selten auf meiner Seite. Es schien mich zu meiden. Genau wie jetzt auch.
„Kommt mein Daddy mich nicht abholen?“ Sehr zu meiner Verblüffung machte sie keinen allzu traurigen Eindruck auf  mich. Sie wirkte eher gefasst und irgendwie … resigniert. Fast so, als ob sie jegliche Hoffnung bereits aufgegeben hätte. Und das war, meiner Meinung nach, noch viel schlimmer.
„Noch nicht, Kleines“, antwortete ich ihr. „Er kommt dich später abholen. Und währenddessen kommst du zu mir. Ich mache dir etwas zu Essen und wenn du willst, kannst du mir dabei helfen. Wäre das okay für dich?“
Es kam mir vor, als wären bereits etliche Stunden vergangen, als sie mir endlich eine Antwort gab. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie zur Bestätigung nickte. Auch ich konnte nicht anders, als wie ein Idiot vor mich hin zu grinsen. Wie hätte ich auch nicht können? Nach all der Zeit, in der sie so voller Trauer gewesen ist -  ich konnte die Male an denen sie in den letzten Tagen und Wochen gelächelt hatte an den Fingern einer Hand abzählen - war es einfach nur schön sie so zu sehen. Ich war mir durchaus im Klaren, dass sie noch lange nicht glücklich und ich somit auch  lange nicht noch an meinem Ziel war, aber es war ein Anfang.
Ich reichte ihr wieder meine Hand und vollbrachte innerlich sogleich einen kleinen Freudentanz, als sie sie dieses Mal ohne zu Zögern ergriff.
Ja, es war bloß der Anfang, doch es wäre wenig in der Welt unternommen worden, wenn man immer nur auf den Ausgang gesehen hätte.

Prolog

Die vornehmste und ehrenvollste Aufgabe, die uns das Leben auferlegt, ist das Heranziehen der nächsten Generation.
Und genau dieser Aufgabe hatte ich mich an dem Tag, als ich Kindergärtnerin wurde, mit Leib und Seele verschrieben.
Diese Entscheidung lag nun fast zwei Jahre zurück. Zwei Jahre und nie - auch nur eine Sekunde lang - hatte ich diesen Entschluss in irgendeiner Weise bereut. Selbstverständlich gab es in dieser Zeit auch den ein, oder anderen schwachen Moment. Einen Moment an dem ich mich einfach hilflos fühlte und am liebsten alles wieder hingeschmissen hätte. Im Normalfall währten diese Augenblicke jedoch nicht länger als einige Minuten, da mich meine Kleinen mittels so einfacher und unbewusster Gesten, wie einem Lächeln, immer wieder daran erinnerten warum ich diesen Beruf überhaupt ergriffen hatte: Weil ich Kinder liebte.
Allerdings nicht weil sie so niedlich sind, oder sagen wir nicht nur. Viel mehr waren Kinder meine Zuflucht aus einer Welt die nur aus Lügen und Intrigen aufgebaut ist, einer Welt aus Gier und Leuten, die stets darauf aus sind aus einer Situation den größtmöglichen Vorteil für sich selbst zu ziehen - der Welt der Erwachsenen. Kinder sind rein … unschuldig und sie tragen ihr Herz auf der Zunge. Nie verspürte ich in ihrer Gegenwart den Drang das Gesagte oder ihre Motive für ihr Handeln zu hinterfragen.
Gerade aus diesen Gründen ist es, meiner Meinung nach, so unverzeihlich, wenn man diesen Wesen auch nur das kleinste, bisschen Leid zufügte. Vor allem, wenn es sich bei solch einem Wesen um ein so wunderbares und zart beseeltes Mädchen, wie die kleine Grace handelt.
Gracie war nicht nur das klügste und höflichste Kind, welches ich je getroffen hatte, sondern bei weitem auch das Hübscheste. Sie war etwas kleiner und zarter, als die meisten Vierjährigen hier im Kindergarten, wodurch sie auf einen noch verletzlicher wirkte, als ohnehin schon. Ihre Haut war blass - für einen Einwohner Seattles war das allerdings nicht sehr ungewöhnlich, da sich die Sonne hier nur relativ selten zeigte - ihre hohen Wangen jedoch waren von einem lieblichen Rosé-Ton überzogen. Ihr Haar, das ihr in wundervollen Locken bis zur Taille floss, war kastanienbraun. Im Sonnenlicht hatte es allerdings einen deutlich sichtbaren Bronze-Stich. Doch das Faszinierendste an ihr waren ihre großen, von endlos langen und dichten Wimpern umrandeten, stechend grünen Augen, die es einem beinahe unmöglich machten den Blick von ihnen abzuwenden.
Es war einfach undenkbar ihr nicht zu verfallen. Mich hatte sie schon beim ersten „Hallo“ um ihren kleinen Finger gewickelt und das, obwohl ich mir am Anfang meiner Karriere verboten hatte jemals einen meiner Schützlinge zu bevorzugen. Zu meiner Verteidigung hatte ich lediglich zu sagen, dass ich gegen ihre kleinen Tricks einfach keine Chance gehabt hatte. Ein bisschen Trost spendete mir die Tatsache, dass ich wahrscheinlich nur eines ihrer vielen Opfer war.
Ihre Mutter, Tanya Denali - Cullen, zählte allem Anschein nach nicht zu dieser Gruppe, denn diese gab sich im Umgang mit ihrer Tochter unnahbar und kalt. Selbst mir gegenüber, einer fast komplett fremden Person, schlug sie wärmere Töne an.
„Miss Swan“, hörte ich ihre Stimme sagen. Ich drehte mich um und wie immer überkam mich eine kleine Spur von Neid, als ich Mrs. Cullen sah. Sie war einfach die Personifizierung von Schönheit. Ihr makelloses Gesicht, mit den vollen, rosigen Lippen, der perfekten Nase und den atemberaubend schönen, jadegrünen Augen, wurde von langem, leicht gewelltem, erdbeerblondem Haar umrahmt. Figurmäßig würde ich spontan auf die Maße 90 - 60 - 90 tippen. Wie schon gesagt, Personifizierung von Schönheit.
„Guten Morgen, Mrs. Cullen“, grüßte ich sie gewohnt höflich, denn mit ihren beängstigenden 182 Zentimetern rangierte die kühle Blondine auf meiner Liste mit Leuten, mit denen ich mich nicht unbedingt anlegen wollte, ganz oben.
Sie schenkte mir ein höfliches Lächeln, welches jedoch augenblicklich wieder aus ihrem Gesicht verschwand, als ihr Blick nach unten zu ihrer Tochter glitt. Stattdessen zog sie eine ihrer perfekt gezupften Brauen in die Höhe „Willst du Miss Swan nicht auch grüßen, Grace?“, erkundigte sie sich mit einem drohenden Unterton in der Stimme.
„Guten Morgen, Miss Swan“, grüßte sie mich sogleich mit zaghafter Stimme. So war sie immer in Gegenwart ihrer Mutter: schüchtern, verschlossen und unsicher - ich hasste es.
Ich war ein sehr friedvoller Mensch. Es benötigte schon einiges, um mich aus der Haut fahren zu lassen, doch diese Frau schaffte es, mit einem einzigen kühlen Blick oder einer abweisenden Geste gegenüber Gracie, mich auf 180 zu bringen. Es kostete mich wirklich all meine Kraft Tanya nicht an ihren Schultern zu packen und sie kräftig durchzuschütteln.  In der Hoffnung, sie würde sich endlich besinnen und ihrer Tochter zu guter Letzt doch die Liebe und Zuneigung entgegenbringen, die sie so dringend brauchte und verdiente.
Ich ging in die Knie, um auf Augenhöhe mit ihr zu sprechen. „Auch dir einen guten Morgen, Grace.“, begrüßte ich sie freundlich zurück. Ich schenkte ihr ein warmes Lächeln, das sie nur sehr zögerlich erwiderte. Ihre Augen jedoch blieben davon unberührt und zeigten noch immer die Trauer, die sie wahrscheinlich in sich fühlte. Und das war der Tropfen, der das Fass bei mir zum überlaufen gebracht hatte. Etwas musste sich ändern - sofort!
„Gracie, warum gehst du nicht schon mal rein und lässt mich kurz mit deiner Mom reden?“, schlug ich ihr vor, da ich dieses Gespräch nicht vor ihren Augen halten wollte.
Sie nickte kurz, verabschiedete sich von Tanya mit einem „Bye, Mommy.“ und ging dann, wie ihr gesagt, in den Aufenthaltsraum unserer Gruppe. Auf ihre Verabschiedung hatte Tanya lediglich mit einem genervten Seufzen reagiert. Sie zog es vor ihre Aufmerksamkeit auf ihr Blackberry zu richten, um eine Kurznachricht zu verschicken. Diese Frau war einfach unmöglich!
„Mrs. Cullen?“, begann ich schließlich, als sie noch immer nicht ihren Blick von diesem verdammten Ding genommen hatte. Ich hatte wirklich Mühe meine Stimme ruhig zu halten. Am liebsten hätte ich geschrieen.
Ich bekam bloß ein kurzes „Hmm…“ zu hören, doch das war mir leider nicht genug, also begann ich von neuem. Mein Ton war dieses Mal jedoch etwas schärfer, als zuvor.
„Mrs. Cullen, ich würde sehr gerne mit ihnen - “ Weiter kam ich nicht.
„So gerne ich mir auch ihre kleinen Probleme anhören würde, Miss Swan, doch ich bin eine sehr vielbeschäftigte Frau und habe leider keine Zeit für so etwas. Was ich ihnen noch sagen wollte ist, dass ich aus geschäftlichen Gründen für einige Wochen nicht in den Staaten sein werde, deshalb wird mein Mann unsere Tochter in den kommenden Tagen hier abliefern und wieder abholen. Und jetzt muss ich wirklich los, meine Nägel lackieren sich nicht von allein. Einen schönen Tag noch.“ Ihre Stimme war abwesend, während ihr Blick gleichgültig auf mir lag.
Mit diesen Worten kehrte sie mir den Rücken zu und ließ mich einfach stehen, ohne sich überhaupt mein Anliegen angehört zu haben.
Tränen der Wut stiegen in mir auf, gepaart mit flammendem Zorn, der sich wie Gift durch meine Adern fraß. Noch nie in meinem ganzen - zugegeben noch sehr jungen - Leben, war ich einem Menschen begegnet der auf solch tragische Art und Weise blind war.
Ihre Tochter war dabei in ein tiefes Loch aus Trauer und Einsamkeit, zu stürzen und sie sah seelenruhig dabei zu, oder besser gesagt stieß sie förmlich hinein. Doch ich würde nicht einfach tatenlos danebenstehen. Ich würde nicht zulassen, das Gracie auch nur einen einzigen weiteren Schritt in Richtung Abgrund machte. Ich würde sie beschützen. Ich werde ihr Fänger im Roggen sein, schwor ich mir fest.